Wieso werden in Burkina Faso zahlreiche Kinder verstossen oder ausgesetzt?

 

Leider werden in Burkina Faso immer noch zahlreiche Kinder von ihren Familien verstossen oder, was noch viel schlimmer ist, irgendwo ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen. So wurde beispielsweise ein Viertel der insgesamt rund 500 Kinder, die bis heute im Zentrum LSI beherbergt wurden, verstossen oder ausgesetzt. Dafür gibt es verschiedene Gründe:

 

Veraltete Traditionen und Armut

Vor allem die Ethnie der Mossi, welche mehr als die Hälfte der burkinischen Bevölkerung ausmacht, hat noch ein sehr veraltetes Denken und harte Traditionen, die strikt durchgesetzt werden. So sind beispielsweise aussereheliche Kinder nicht geduldet. Kommt es vor der Ehe zu einer Schwangerschaft, muss entweder schnellstmöglich geheiratet oder aber – wenn der Vater die Schwangerschaft nicht anerkennt – das Kind nach der Geburt aus der Familie verstossen werden. Oft verstecken die Frauen die Schwangerschaft und geben das Frischgeborene ab. Nur sehr selten nimmt eine Kindsmutter die Verbannung der Familie in den Kauf und geht mit ihrem Kind eigene Wege. In diesem Moment steht sie nämlich völlig alleine und ohne finanzielle Hilfe da, was für beide kein einfaches Leben bedeutet. Viele sehen dann für ihr Kind bessere Chancen, wenn es in ein Zentrum kommt und zur Adoption freigegeben wird. Das Gleiche gilt auch für Schwangerschaften, die aufgrund von Vergewaltigungen oder Ehebruch entstehen.

 

Inzest

Inzest (veraltet auch „Blutschande“ genannt) bezeichnet den Geschlechtsverkehr zwischen eng blutsverwandten Menschen. Während in vielen Ländern Europas sexuelle Handlungen zwischen Verwandten 1. und 2. Grades strafbar sind, ist die Handhabung in Burkina Faso ganz anders. Zwar gibt es dort für Inzucht keine Gesetze aber die braucht es auch nicht. Die Ethnien haben ihre eigenen strikten Traditionen und Regelungen. Viele dulden überhaupt keine Beziehungen innerhalb der Verwandtschaft – möge sie noch so weit entfernt sein. Auch Beziehungen zwischen Verwandten 3. oder 4. Grades gelten als grosse Schande und werden keinesfalls akzeptiert. Stellen Sie sich also vor, Sie leben mit ihrem ganzen Familienclan in einem abgeschiedenen Dorf, rundherum nichts als Felder und keine Unterhaltungsmöglichkeiten. Viele Jugendliche erhalten in den ländlichen Gebieten keine Schulbildung oder sexuelle Aufklärung. Allgemein ist Geschlechtsverkehr ein Tabuthema, das nicht gerne angesprochen wird. Der Zugang zu Verhütungsmittel ist oft nur in der Stadt gegeben. Und auch wenn Präservative in einigen Apotheken in den grösseren Dörfern erworben werden können, haben immer noch viele Hemmungen diese zu kaufen – das ganze Dorf kennt sich ja bestens! Oft fehlt auch das nötige Kleingeld dafür. Es ist verständlich, dass Heranwachsende früher oder später ihre Sexualität entdecken und ihre ersten Erfahrungen machen. Leider passiert dies dann eben oft innerhalb der Familie und die Jugendlichen sind sich der Konsequenzen nicht bewusst. Wenn es dann zu einer unerwünschten Schwangerschaft kommt, hat die Mutter keine andere Wahl als das Kind „abzugeben“. Sonst würde auch sie von der Familie verstossen und hätte kaum Überlebenschancen.

 

Behinderungen

Körperlich oder geistig behindert zu sein, bedeutet in Burkina Faso nur sehr schlechte Überlebenschancen zu haben. Für Menschen mit besonderen Bedürfnissen gibt es keinerlei finanzielle oder moralische Unterstützung. Oft werden sie sogar als verflucht angesehen und der Kontakt wird gemieden. Auch finanziell ist eine Behinderung eine grosse Belastung. Die Familien können sich die notwendigen Behandlungen nicht leisten und die Kinder brauchen oft eine besonders intensive und zeitaufwändige Pflege. Die allermeisten Burkinabè halten sich mit Landwirtschaft oder dem Verkauf diverser Dinge über Wasser und leben von Tag zu Tag. Können sie nichts ernten oder verkaufen, haben sie auch nichts zu essen. Wo soll da die Zeit für ein behindertes Kind bleiben? Leider werden diese Kinder oft ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen, da es kaum Institutionen gibt, die solche Fälle aufnehmen. Auch das Zentrum LSI ist dafür nicht spezialisiert, es hat aber trotzdem schon den einen oder anderen Notfall aufgenommen.

Wenn geistig behinderte Frauen schwanger werden, gebären sie oft auf einem Feld oder – wenn das Kind Glück hat – in der Öffentlichkeit, wo es schnell gefunden wird. Denn normalerweise lassen diese Frauen ihre Frischgeborenen zurück, ohne überhaupt verstanden zu haben, was gerade passiert ist.

 

Aberglaube

In vielen afrikanischen Ländern sind sogenannte „Hexenkinder“ leider keine Seltenheit. Auch wenn es in Burkina Faso vergleichsweise nur sehr wenige Fälle gibt, kommt es auch dort vor, dass Kinder für ein Unglück in der Familie verantwortlich gemacht und als pechbringende Hexenkinder ausgesetzt oder verstossen werden. Meistens passiert dies, wenn die Kindsmutter während oder kurz nach der Geburt stirbt.

 

Für verstossene oder ausgesetzte Kinder sind Institutionen wie das Zentrum für Kinder in Not LSI lebenswichtig. Leider gibt es bei weitem nicht genug Einrichtungen in Burkina Faso und viele Kinder bezahlen mit dem Tod für die Fehler ihrer Eltern. Viele der rund 500 LSI-Schützlinge, die bis heute mit LSI ein kurz- oder längerfristiges Zuhause gefunden haben, würden ohne diese Hilfe nicht mehr leben. Auch deshalb liegt uns dieses Projekt so sehr am Herzen. Mit der Übernahme einer Kinder- oder Mitarbeiterpatenschaft helfen Sie uns enorm, noch mehr Kinderleben retten zu können.

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